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Zur Diskussion: Lehrer-Professionalisierung

Zwei neue Aufsätze bieten Material zur Diskussion darüber, wie LehrerInnen im digitalen Zeitalter professionelle Projektdidaktiker werden können.

1. Wolfgang Steiner hat  gerade noch rechtzeitig am Ende seiner Dienstzeit ein Kompendium mit seinen  in 3 Jahrzehnten gesammelten und gut sortierten Erfahrungen verfasst:

Wolfgang Steiner, Lehrerinnen und Lehrer lernen Projektlernen. Eine Zwischenbilanz aus Hamburg

2. Lisa Rosa hat sich ebenfalls  mit der Frage beschäftigt, wie Lehrer bzw. angehende Lehrer, sich als Lernprozessgestalter verstehend, Projektkompetenz  erwerben können – und wie dies mit den veränderten Bedingungen von Wissen und Lernen im digitalen Zeitalter zusammenpasst:

Lisa Rosa, Lernen 2.0 – Projektlernen mit Lehrenden im digitalen Zeitalter

Beides sind Entwurfsfassungen für zwei Beiträge eines Sammelbands, der im Frühjahr 2013 unter dem Titel „Projektunterricht und Professionalisierung in der Lehrerbildung“ bei Vandenhoeck & Ruprecht herauskommen wird.

Hier stellen wir unsere  Entwürfe vorab zur Diskussion und freuen uns über Kommentare.

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Das Neue

  Manchmal muss Altes ganz weg, um Neuem Platz zu machen, wie hier, wo das alte Elim-Krankenhaus, das meinem Büro gegenüber gestanden hatte, abgerissen wurde, damit an seiner Stelle ein neues Krankenhaus gebaut werden kann.
Oft lassen sich aber alte Sachen noch gebrauchen, wenn man sie renoviert, restauriert oder umbaut. Das spart Ressourcen.
Und in wieder anderen Fällen braucht man das alte Material sogar, um Neues bauen zu können. In diesem Fall wäre ein Neubau ohne den alten gar nicht möglich, weil wichtige Komponenten als Voraussetzungen fehlen würden.

Diese Fälle, die in der letzten Variante angesprochen sind, interessieren mich.
Kann man sich eine „Stunde Null“ im Leben der Menschheit überhaupt als real möglich vorstellen? Ein Zustand, in dem das Alte abrupt endet und quasi aus dem Nichts etwas ganz Neues anfängt, ohne jeden Bezug zum Alten? Selbst (oder vielleicht gerade) da, wo Menschen und die Mehrheit großer nationaler Kollektive es dringend wünschen, geht es nicht – man denke nur an die jahrzehntelangen Versuche in Deutschland, „einen Schlussstrich“ unter die Nazivergangenheit Deutschlands zu ziehen. Aber nicht nur mit dem belastenden Teil historischen Erbes müssen wir umgehen. Wir brauchen die  in verschiedensten Gegenständen gespeicherten früheren Erfahrungen auch, um daraus unsere Gegenwart zu gestalten.  Wer 1989 z.B. seinen Marxband mit dem Kommunistischen Manifest nicht weggeworfen hat, kann ihn heute wieder mit erstaunlich nützlichen Erkenntnissen studieren. Und in den USA kommt Dewey, der Vater des Projektlernens, zu neuen Ehren. Ich finde, zu Recht!

Aber inwiefern und unter welchen Bedingungen können uns die Alten nützlich sein? Was haben sie uns in der Vergangenheit voraus, was wir, die wir in ihrer Zukunft leben, nicht haben? – Hört ihr? Das ist die Frage der Renaissance!

Die historische Renaissance hat das Alte wiederbelebt, aber nicht, indem sie einer Mumie neues Leben eingehaucht, sondern indem sie „das Antike“ aus ihren Gegenwartsbedürfnissen heraus gesehen und damit Neues geschaffen hat. (Und diese Interpretation ist wahrscheinlich auch nur mein Blick aus dem 20./21. Jh. auf die Renaissance im Spiegel des 19. Jahrhunderts.)
Marx und Dewey (und andere) sind nützlich, wenn wir sie historisieren. Wenn wir sie in ihrem historischen Kontext sehen, dann sehen wir ihre Begrenzung. Das ist wichtig, denn erst dann können wir sie auch in unserem eigenen historischen Kontext – dem digitalen, nachindustriellen Zeitalter – lesen. Dann erst können wir das, was den Kontext überdauert, also generalisierbar ist, erkennen und für unseren Gebrauch neu definieren. Und mir scheint, dass im Projektlernen, wie Dewey es beschreibt, noch eine Menge historisch zu beerben ist für die Bedürfnisse, die sich aus der notwendigen Neudefinition des Lernens im digitalen Zeitalter ergeben. „Projektlernen 2.0“ ist das neue „Lernen 2.0“ und umgekehrt. Zumindest könnte das eine prüfenswerte Hypothese sein.

„Das hat es doch alles schon mal gegeben.“ “ Das ist nichts Neues.“ „Das haben wir schon damals alles gesagt und gekonnt, aber es hat sich nicht durchgesetzt,“ – erzählen manche Alten.  Stimmt. Vielleicht. Aber größere historische Sprünge brauchten schon immer mehrere Anläufe. Und jeder Anlauf war neu. Die bürgerlichen Revolutionen seit 1789 sprechen davon.